Überlegungen zu Qualität und OER im DaF-Bereich

Nach meinem Online-Vortrag auf der #OERsax habe ich lange über das Thema Qualität und OER nachdenken müssen.

Nicht nur auf der #OERsax-Tagung, sondern auch in Gesprächen mit Kollegen spielte das Thema eine wichtige Rolle bzw. wird nicht selten als entscheidendes Argument benutzt, um den Einsatz von OER zu relativieren oder gar abzulehnen.

Aus meiner Beschäftigung mit dem Thema Wikis im Bildungsbereich kenne ich diese Diskussion schon seit längerem. Natürlich ist es für mich wichtig, qualitativ hochwertige OER-Materialien zur Verfügung zu stellen. Derjenige, der Material erstellt und weitergibt, wird sicherlich nicht davon ausgehen, Minderwertiges oder gar Falsches zu entwickeln. (Abgesehen er wäre ein Troll.)

Die Qualität und der Inhalt des Materials sind abhängig von den Kompetenzen des Erstellers, dem spezifischen Unterrichtskontext, für den die Materialien bestimmt sind und von der Qualität der Ausgangsmaterialien, die als OER zu Verfügung stehen. Daraus ergibt sich eine Verwertungskette, bei der sich das Produkt ständig verändert (nicht unbedingt verbessert, da neue Unterrichtskontexte andere Antworten erfordern, die nicht unbedingt besser sein müssen). Im Mittelpunkt dieses Prozesses stehen die Lehrpersonen als Akteure der Veränderung (wenn sie das Material adaptieren und möglicherweise als OER weiterveröffentlichen), aber auch diejenigen, die „nur“ die Materialien um/einsetzen. In meiner Praxis als DaF-Lehrer, habe ich fast nie (ausgenommen in meiner Anfängerzeit) Materialien 1 zu 1 um/eingesetzt. Anpassungen waren notwendig, um ein Mindestmaß an guten Unterricht zu garantieren.

Durch den Austausch mit Kollegen nehme ich an, dass dies von den meisten so gehandhabt wird. Wir alle sind durch das 1. und 2. Staatsexamen bzw. durch unsere tägliche Unterrichtspraxis dazu befähigt, 1. gutes von schlechtem Material zu unterscheiden und 2. Materialien zu adaptieren / anzupassen und 3. diese auch umzusetzen um 4. dies auch so zu reflektieren, um daraus für die zukünftige Praxis zu lernen.

Indem man Lehrpersonen unterstellt, sie könnten nur mit qualitativ hochwertigen Material arbeiten, zweifelt man an den Kompetenzen, die sie als ausgebildete und erfahrene Lehrer auszeichnen. Vielleicht ist der Begriff zu hoch gegriffen, aber ich möchte in diesem Zusammenhang von der „Mündigkeit der Lehrperson“ sprechen.

Wichtig ist, dass man diesem Vorurteil, Fachlehrern fehle es an methodischer und fachlicher Kompetenz mit OER-Materialien, um OER einsetzen zu können, auf unterschiedlichen Ebenen argumentativ entgegenwirken. Bedenklich finde ich es, wenn einige Lehrer dieses Bild auch von sich selbst haben.

Noch einmal meine These: (Gute) Lehrer sind fachlich und methodisch so ausgebildet, dass sie gute von weniger guten/geeigneten Unterrichtsmaterialien, Ideen, Methoden unterscheiden können.

Sie wissen auch, dass man dabei Fehler machen kann und dass sie daraus lernen können und werden.

Aber woher kommt das oben genannte Vorurteil? In meiner Tätigkeit im DaF-Bereich in unterschiedlichen Ländern musste ich feststellen, dass nicht wenige der Kolleginnen und Kollegen „werkgetreu“ unterrichten, das heißt, ihr Lehrwerk chronologisch abarbeiten. Dies entspricht manchmal auch der vorherrschenden Lehr- und Lernkultur, dass Lehrwerke eine anerkannte Autorität sind, die nur selten hinterfragt wird. Es gab Extremfälle, bei denen das DaF-Lehrwerk einen höheren Stellenwert als das vorgeschriebene Curriculum hatte. Es gab Lerner und Eltern, die darauf bestanden, dass auch alle Aufgaben in Lehrwerken gelöst werden müssen (Man hat ja dafür bezahlt). Lernkulturen, die die „Heiligsprechung des Lehrwerkes“ als gegeben hinnehmen und nicht mehr hinterfragen, machen es sich selbst schwer, sich zu verändern. Insbesondere dort, wo die benutzten (DaF-) Lehrwerke nicht den Qualitätsstandards entsprechen, kann das „werkgetreue“ Unterrichten auch zur Demotivierung der Lerner führen, die sich wiederum negativ auf die Stellung des Faches Deutsch als Fremdsprach auswirkt.

Was muss sich also ändern?

Die Lehrer-Aus- und Weiterbildung muss auf die Veränderung der Verfügbarkeit von alternativen Materialien im Internet reagieren. Es geht nicht nur darum, Lehrwerke zu analysieren und kritisch zu hinterfragen, auch der Prozess der OER-Entwicklung sollte im Mittelpunkt stehen. Die Arbeit mit OER hat auch für das lebenslange Lernen der Lehrperson einen positiven Effekt: Die Freiheit des Anpassungsprozesses von OER Materialien, hat nicht nur das Potential, Unterricht zu optimieren, in dem er zum Beispiel gezielter den unterschiedlichen Bedarf der Lerner berücksichtigt, sondern fördert die Entwicklung einer professionellen Lehrperson durch aktive Auseinandersetzung mit dem eigenen Unterricht und dem Unterricht anderer, durch die Erweiterung des professionellen Horizonts und den Zuwachs an Wissen über das eigene Fach hinaus, durch Austausch und ständige Weiterbildung.

Für die OER-Community heißt das aber auch, dass der Umgang mit OER-Materialien noch einfacher werden muss. Dabei geht es nicht nur um das quantitative Auffinden von Materialien. Kollegen haben das Recht zu wissen, was von den vielen Angeboten auch von anderen Kollegen als gut befunden wird. Es sollte klar beschrieben werden, was man in diesem Material findet. Sie müssen nicht immer damit (Qualität und Bewertung) einverstanden sein, aber ein Grundvertrauen in die „Schwarmintelligenz“ besitzen. Das spart wertvolle Zeit und motiviert.

Es müssen Gelegenheiten geboten werden, Material in unterschiedlichen Varianten zu bewerten und diese Bewertungen müssen aussagekräftig sein. Ideal wäre es auch, wenn diese Bewertungen den Austausch zwischen den Lehrern fördern würden. Das können kurze Erfahrungsberichte sein bis hin zu komplexeren Reflexionen im Sinne der Aktionsforschung.

Das Internet bietet diese Möglichkeiten. Auch wenn es dahin noch ein weiter Weg ist, ist es nicht unmöglich.

Hier noch eine Nachlese auf dem OERsax-Blog: Die ersten sächsischen OER Tage (15.01.-18.01) – Tag 3 + 4 – Webinarvielfalt

Ergänzung (1.6.2018)

Klaus Dautel berichtet auf ZUM.de über seine Erfahrungen auf dem EduCamp in Bad Wildbach.  Dabei geht er auch auf die fehlende Bereitschaft ein, erstellte OER Materialien auf dem Landesbildungsserver kommentieren zu lassen (siehe meine Anmerkungen oben).  In seinem Blog-Beitrag findet sich auch ein Link zu Qualitätskriterien, die im Landesbildungsserver BW für dort erstellte OER-Materialien gelten.

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Veröffentlicht in: DaF, OER

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