Wer sind diese Deutschen?

Ja, wer sind wir?
Angelika Merkel, PEGIDA, ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, Berliner, Bautzener, Sachsen, Bayern, pöbelnde Nazis, Migrantinnen und Migranten, Obdachlose, Millionäre, Kinder, reiche – arme Rentner? Die Liste könnte noch über Seiten fortgesetzt werden. Die Antworten, die für sich in Anspruch nehmen, wahr zu sein, wären ebenso zahlreich. Aber genau das zeigt das Problem, vor dem nicht nur DaF/DaZ-Lehrer und -Lerner, sondern wir Deutschen selbst stehen. Wie „erklären wir uns“? bzw. Wie können wir dazu beitragen, dass Interessierte und Betroffene auf ihre Fragen befriedigende Antworten finden können.

Man möchte meinen, dass pauschale Frage – pauschale Antworten generieren. Es kommt also darauf an, die richtigen Fragen zu stellen und das will gelernt sein. Betrachtet man das Thema genauer, rücken für den Lernprozess noch andere Kriterien in den Mittelpunkt.

Die im (Blog-)Titel stehende Frage habe ich einem YouTube Video entnommen, welches gerade sehr angesagt ist. Hier beschreibt Firas Alshater (Zukar) aus seiner Sicht, seine nicht immer einfach zu verstehenden „Gastgeber“.

Diese Perspektive kennen wir schon seit Jahrzehnten in Deutschland. Im Spielfilm „Almanya“ zum Beispiel findet man Szenen, die aus der Sicht türkischer Migranten erste Beobachtungen und schwierige Situationen beschreiben. Es sind Kleinigkeiten die dem Fremden auffallen und aus denen Fragen entstehen. So zum Beispiel: „Deutsche Männer tragen keine Schnauzbärte“.

Hier sind es Kinder, die diese Frage stellen. Diese sind für ihre Neugier und ihren Mut bekannt, ungewöhnliche Fragen zu formulieren, so dass Erwachsene nicht selten in Erklärungsnot geraten. Erwachsenen fehlen oft diese Eigenschaften. Eine Art „kindlicher Unbekümmertheit“ ist eine gute Voraussetzung, zielführende Fragen für das kulturelle Lernen zu finden und zu formulieren. Unsere Aufgabe als Lehrperson ist es, diese Eigenschaft bei unseren Lernern zuzulassen bzw. zu (re)aktivieren und zu unterstützen.

Ändern wir unsere Perspektive und sehen uns als „Objekte“ der Beobachtungen, können ebenfalls spannende Fragen erwachsen. Was denken die „Anderen“ über uns und warum kommen diese zu diesen Fragen bzw. Antworten. Dies (hier im Ausland) erfahre ich jedes Mal persönlich als Bereicherung. Es macht Lust, noch mehr zu erfahren und es verwundert mich zu sehen, dass es viele Menschen gibt, die dieses Gefühl nicht kennen oder kennen wollen. Zugespitzt formuliert braucht (nicht nur) Deutschland einen gesamtgesellschaftlichen Masterplan für die Entwicklung (inter-)kultureller Kompetenz.

Aber zurück zur DaF/DaZ-Perspektive. Der Ausschnitt „Fatma geht einkaufen“ (ebenfalls aus „Almanya“ ) präsentiert eine Situation, in der sich jeder wiederfinden kann, der schon einmal in einem anderen Land ohne Sprachkenntnisse etwas erreichen wollte.

Das Beispiel zeigt, wie wichtig die sprachliche Kompetenz ist und es verdeutlicht aber auch, dass der Wille zur Verständigung auf beiden Seiten da sein muss. Dieser „gute Wille“ kann nicht immer vorausgesetzt, aber doch gelernt werden.

Verunsicherung, Fragen stellen, Neugier, der Wille, selbst nach Antworten zu suchen, das sind gute Lernvoraussetzungen. Was noch fehlt sind durchdachte Lernszenarien, die dabei helfen. Aber genau hier stehen auch Profis vor einer Herausforderung. Fehlt diese Unterstützung, können Mut und Ausdauer Neues zu erkunden, verloren gehen und neue vereinfachende Erklärungsmuster die Folge sein.

Es gibt Meinungen, dass kaum ein Unterschied zwischen DaF und DaZ existiere. Aber es ist auffällig, dass gerade beim kultursensiblen Lernen wichtige unterschiedliche Ausgangslagen zu beachten sind. DaZ-Lerner werden wie oben gezeigt, durch ihren Alltag im Gastland mit (inter-)kulturellen Fragestellungen konfrontiert. Für DaF-Lerner kann die Situation je nach Ort eine ganz andere sein. Gibt es zum Beispiel im eigenen Land wenig Möglichkeiten mit anderen Kulturen in Verbindung zu treten, fehlt auch der notwendige Impuls, interkulturelles/kulturbezogenes Lernen durch intrinsische Motivation (bei Lehrern und Lernern) in Gang zu setzen. Unterricht, der die schulischen Grenzen nicht überwindet, egal ob virtuell oder real, trägt Laborcharakter. Das hat sich auch durch den einfacheren Zugang zum deutschsprachigen Raum durch das Internet nicht geändert. In der Unterrichtsrealität vieler Länder wird das Internet kaum genutzt und wenn, dann steht meist die Vermittlung von Fakten im Mittelpunkt. Internet-Austauschprojekte oder sogar Videokonferenzen sind noch sehr selten, was auch in der Ausstattung der Schulen begründet sein kann, aber vor allem an der methodisch-didaktischen Schulung. Oft liegt das Problem auch in der geringen bzw. fehlenden kulturellen Sensibilität der Lehrkräfte. In Gesprächen mit Lehrkräften werden von diesen zwar Begriffe wie interkultureller Ansatz oder interkulturelle Kompetenz genutzt, werden aber nicht selten mit anderen Inhalten besetzt. Aktuelle fachdidaktische Diskussionen und Ansätze stoßen dadurch auch auf Unverständnis. Der bewusste Schritt hin zum interkulturellen Ansatz ist Voraussetzung dafür, sich später auch auf einen transkulturellen bzw. kulturwissenschaftlichen Ansatz einzulassen.

Eine zusätzliche Barriere aktuelle Ansätze zu berücksichtigen stellt die Einstellung dar, dass das sprachliche Niveau der Schülerinnen und Schüler nicht optimal für eine (inter-)kulturelle bzw. (kultur-)reflexive Landeskunde sei. Hier brauchen wir praxistaugliche Konzepte, die zeigen, dass dies möglich ist. Zusätzlich muss allen Akteuren bewusst sein, dass die Vermittlung (inter-)kulturelle Kompetenzen nicht allein dem Fremdsprachenunterricht überlassen werden kann, sondern eine fächerübergreifende, ja gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist.

Wie kann man dem Laborcharakter des Fremdsprachenunterrichts entfliehen? Wie kann man interne und externe schulische Grenzen überwinden?

In einem Interview mit Firas Alshater auf bento.de (SPIEGEL-ONLINE) findet man eine mögliche Lösung. Als Begründung für seinen Film auf YouTube gibt er dort an, dass er zeigen wollte: „Wer wir (wir Flüchtlinge) sind.“ Vergleicht man diese Aussage mit dem Titel und Inhalt seines Films, wird folgendes klar. Ihm ging es bei der Produktion vor allem darum Dinge praktisch auszuprobieren. Deshalb musste er hinaus auf die Straße, dort wo „diese Deutschen“ zu finden sind. Hier konnte er, in selbst entwickelten „Versuchen/Experimenten“ (Umarmung), deren Reaktion herausfinden und festhalten. Der Ausgang der Versuche bleibt dabei offen. Die Ergebnisse heterogen, wie bei der pauschal formulierten Frage nicht zu erwarten war. Der Film als Produkt hat weitere Lerneffekte ausgelöst. Durch die vielen Reaktionen wurde ein Prozess in Gang gesetzt, dessen Ende bzw. Ergebnisse noch nicht abzusehen sind.

Spannend ist die Wechselwirkung, die in Gang gesetzt wurde. Die handelnden Personen (ob als Projektinitiator oder Proband) werden in ihrer Alltagsroutine „gestört“. Aus der Verunsicherung entstehen bei den Beteiligten Fragen, die wiederum Antworten fordern, welche natürlich überprüft, bestätigt oder verworfen werden, um somit wieder neue Fragen aufzuwerfen. Auch wenn die Veränderungen nur in kleinen Schritten erfolgen und vielleicht manchmal kaum sichtbar werden, ist dieser Weg sinnvoller als das Pauken landeskundlicher Fakten.

Das Zauberwort heißt also projektorientiert unterrichten. Wenn wir davon ausgehen, dass man eine Fremdsprache vor allem durch Sprechen, durch die aktive Anwendung der Sprache erlernen kann, dann gilt das auch für den Erwerb (inter-)kultureller Kompetenzen.

Lerner müssen dazu in der Lage sein, sich der Welt und den Kulturen zu öffnen. Sie müssen Erfahrungen sammeln, suchen, recherchieren und reflektieren. Nur durch reale (auch im Internet mögliche) Begegnungen ist dies möglich. Nur so können die eigenen Einstellungen, Urteile hinterfragt werden.

Der Lehrer ist dafür verantwortlich, dass solche Prozesse ausgelöst werden, dass durch das richtige Lernarrangement Lernen stattfinden kann und dass das notwendige methodische Werkzeug erworben wird, damit dieser Lernprozess lebenslang erfolgreich fortgeführt werden kann.

Siehe auch: Teil 2 Wer sind diese Deutschen? – Idee einer Annäherung
PS. Der Text entstand im Zusammenhang mit den am 18. und 19. März 2016 stattfindenden Studientage Deutsch des Goethe-Instituts Kroatien.

Thema der Veranstaltung: „(Inter-)kulturelle Lernprozesse im DaF-Unterricht“.

 


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