Mündliches Erzählen im Fremdsprachenunterricht

„Eine gut erzählte Geschichte macht aus den Ohren Augen.“

Chinesisches Sprichwort

Mündliches Erzählen im Fremdsprachenunterricht? Wie oft wird das heute praktiziert? Und von wem? – Reicht es, wenn der Lehrer einen Vortrag hält oder versteht man darunter gar, dass die Schülerinnen und Schüler eigene Geschichten erzählen sollen?

 Wenn ich mich an meinen Fremdsprachenunterricht als Schüler in den 80er Jahre erinnere, fällt mir kein Beispiel ein, dass ich oder ein anderer im Unterricht eine frei erfundene Geschichten erzählen sollte oder erzählt hat. Entweder kann ich mich nicht mehr daran erinnern (, dann aus fehlender Relevanz) oder es spielte damals wirklich keine Rolle.

Aufgrund des Themas auf der diesjährigen Tagung des Kroatischen Deutschlehrerverbandes (KDV) in Varaždin „Präsentations- und Kommunikationstechniken in einem innovativen DaF-Unterricht“, habe ich mich für einen Workshop mit dem mündlichen Erzählen intensiver auseinandergesetzt. Jetzt bin ich froh darüber, denn es ist eine wirklich spannende Materie.
Interessant finde ich das Thema „Mündliches Erzählen“ vor allem auch deswegen, weil es beide Perspektiven betrifft, die des Lehrers, der Sprache motivierend und beispielhaft in Erzählformen präsentiert (präsentieren könnte) und die der Schülerinnen und Schüler (SuS), die in authentischen Situationen inhaltsorientiert Geschichten entwickeln und – frei – „darstellen“ können. Bei meinen Überlegungen spielte auch die Beobachtung eine Rolle, dass, wenn Erzählen im Unterricht stattfindet, es nicht immer erfolgreich (bzw. optimal) praktiziert wird. Gerade das Fehlen des „Erzählerfolges“ führt zu Frustrationen auf beiden Seiten, so dass dies ein Grund sein kann, dass Erzählen in seiner freien Form vermieden wird.
Hier im Blog möchte ich zum Workshop „Mündliches Erzählen im DaF-Unterricht“ einige Überlegungen festhalten und Materialien bzw. Links für Workshopteilnehmer zur Verfügung stellen.

Freies Sprechen – mündliches Erzählen

Zunächst einige Gedanken zum Begriff „freies Sprechen“. Man versteht darunter, dass möglichst in authentischen Sprechanlässen, Sprache angewandt wird, um kommunikative Absichten des Sprechers auszudrücken. Im Gegensatz dazu ist das Ziel des „gelenkten Sprechen“ das Einüben einer bestimmten Struktur. Gelenktes Sprechen ist die Voraussetzung das freies Sprechen möglich wird. Es ist somit eine geplante Sammlung von Übungen, die auf die Zielaufgabe „frei zu einem Thema zu sprechen“ hinarbeitet und dabei Wortschatz, Strukturen einübt und flüssiges Sprechen durch Übung möglich macht. Die Unterscheidung wird auch beim Umgang mit der sprachlichen Korrektheit deutlich, wobei diese bei gelenktem Sprechen von größere Bedeutung ist. Ziel des freien Sprechens ist die Erfüllung der Kommunikationsabsicht, was je nach angestrebten Sprachniveau unterschiedlich korrekt erfolgen kann.

Deutlich wird dies auch in folgendem 3-Stufenmodell:

  • Stufe 1: variationsloses/ imitierendes Sprechen (Reproduktion)
  • Stufe 2: gelenkt-variierendes Sprechen (Rekonstruktion), die sprachliche Form kann sich von der Vorlage entfernen, gezieltes Üben der Sprachfertigkeit
  • Stufe 3: freies Sprechen (Konstruktion), ausgehend von den erworbenen Kompetenzen (selbständige Strukturierung der Aussageintention. (Quelle)

Das mündliche Erzählen in der Schule findet je nach Kenntnisstand zwischen der 2. und 3. Stufe statt. Aktivitäten, die das Erzählen entwickeln, bewegen sich auf die 3. Stufe zu, entwickeln die notwendigen Kompetenzen, stärken das Selbstbewusstsein der jungen Erzähler und motivieren, auch außerhalb der Schule, kreativ mit Sprache umzugehen.

Authentische Sprechanlässe nur Alltagskommunikation?

In der Gegenwart verstehen viele Lehrer unter authentische Sprechanlässe Situationen aus der Alltagskommunikation, die einen unmittelbaren praktischen Nutzen für den Sprecher haben, wie zum Beispiel Alltagsdialoge mit Ärzten und Verkäufern. Dieser manchmal eingeschränkte Fokus auf pragmatisch fixierte Rollen entspringt dem guten Willen, lebensnahe und praktisch relevante Sprachvermittlung zu bieten, entspricht aber auch dem neoliberalen Mainstream, solche Kompetenzen zu entwickeln, die „(ökonomisch) „verwertbar“ sind. Sprache und deren Vermittlung werden so in einer Art Kosten-Nutzen-Rechnung gesehen, gegen den es der klassische Bildungsbegriff schwer hat, sichtbar zu werden.

Was versteht man unter Erzählen?

In Anlehnung an die fremdsprachliche Schreibdidaktik werden für die Ausbildung mündlicher Ausdrucksfähigkeit drei Aspekte genannt:
-praktisches Sprechen (Alltagssituationen)
-kreatives Sprechen (Erzählungen, Berichte)
-Sprechen um des Sprechens selbst willen (zur Übung der Sprechfertigkeit)

Beim Erzählen denkt der Erzähler sich zum Beispiel Geschichten aus, die keinen unmittelbaren Bezug zur Alltagskommunikation haben müssen. Dies kann Kreativität und den Spaß am Fabulieren entwickeln. Beim Erfinden eigener Geschichten können Lerner (und Lehrer) sich ausprobieren, sich selbst erkennen und lernen, sensibler mit der eigenen und fremden Kultur und Sprache umzugehen. Ein weiteres Betätigungsfeld für das Erzählen wäre auch das problemlösende Geschichtenerfinden, welches ich hier nur am Rande erwähnen kann, aber das auch für das Fremdsprachenlernen Potenzial besitzt.

Erzählen ist, wie oft angenommen, keine monologische Aktivität. Der Erzähler und Zuhörer übernehmen bestimmte Rollen (z.B. Zuhörersignal oder Fragen an das Publikum), ohne die eine gute Erzählung nicht funktioniert. Bei einer guten Erzählung interagieren beide. Diese Interaktion kann durch bestimmte Inszenierungen verstärkt werden.
Für den DaF-Unterricht ist es wichtig zu beachten, dass die Vorstellung, was eine gute Erzählung ist, von Kultur zu Kultur unterschiedlich sein kann. Daneben kann die Situation bzw. der Ort in der/ an dem erzählt wird großen Einfluss auf das Erzählen nehmen. Der dadurch entstehende Unterschied zwischen alltäglichem und schulischen Erzählen muss in der Planung ebenfalls berücksichtigt werden.
Psychologen gehen davon aus, dass das Erzählen der Verarbeitung und Weitergabe von Erfahrung dient und unterscheiden nach ihrem Zweck verschiedene Typen von Erzählungen wie z.B. Leidens-, Sieges-, Klatschgeschichten.
Im schulischen Kontext nutzt man je nach Entwicklungsstufe der Sprechkompetenz, Nacherzählungen und Bildergeschichten, die natürlicherweise noch sehr gelenkte Formen sind und Erlebniserzählungen bzw. Phantasieerzählungen, die dem freien Sprechen sehr nahe kommen.

Erfolgreich erzählen

Oben habe ich bereits erwähnt, dass positive Erfahrungen beim mündlichen Erzählen, zu weiteren Erzählungen motivieren (können). Daraus ergibt sich die Frage, was bei den SuS entwickelt werden muss, damit Erzählen erfolgreich gelingt.
Zu nennen sind neben den schon erwähnten Vorübungen zur Entwicklung sprachlicher Kompetenzen (Gebrauch des Wortschatzes, der Struktur und die Entwicklung der Flüssigkeit des Sprechens) auch die für das mündliche Erzählen typische Eigenschaften bzw. Bedingungen wie: das Zuhören lernen, das Strukturieren von Geschichten, der Einsatz von nonverbalen Elemente wie Körperhaltung, Mimik und Gestik, aber auch Stimmtraining und Anti-Angst-Training (Sprechen vor der Gruppe) sind wichtig. Nicht zu vergessen ist der Reflexion / Evaluierung des Erzählten in der Lerngruppe, dass von allen Beteiligten Sensibilität und Feedback-Kompetenz zugleich erfordert.

Die Struktur einer guten Geschichte

Herausheben aus den genannten Voraussetzungen für eine gute Erzählung möchte ich die notwendige Struktur, die eine Geschichte haben sollte.
Ein Gerüst für einen Erzähler bietet die sogenannte Geschichtengrammatik („story grammar“). Sie geht von der Vermutung aus, dass Geschichten und Erzählungen auf einer „Tiefenstruktur“ basieren. Diese kann man durch Regeln beschreiben und diese für die Produktion von Geschichten zur Verfügung stellen. Untersuchungen (Thorndyke, 1977) haben festgestellt, dass Versuchspersonen umso größere Schwierigkeiten mit dem Verstehen und Erinnern von Texten hatten, je mehr die „story grammar“ verletzt wurde.

Grob kann man sagen, dass eine Geschichte folgendes benötigt:

  1. einen Helden,
  2. Ort und Zeit der Handlung,
  3. ein Ereignis, das in das Leben des Helden eingreift,
  4. muss sich der Held mit diesen Ereignis auseinandersetzen und es
  5. zu einem Ergebnis und die Geschichte damit zu einem Abschluss bringen.

Mehr dazu hier: Link

Idee für den Unterricht: „Nimm dir für deine Geschichte, was du brauchst.“ (Abreißzettel)

DIN A4 Blätter in 4 unterschiedlichen Farben: Für Personen, Orte, Zeit, Probleme
Beispiel:

Abriss1Variante 1: Lehrer erstellt die Zettel mit den Strukturelementen (Person, Ort usw.) und SuS „reißen“ sich Teile für ihre Geschichte ab.
Besser wäre es, wenn SuS eigene Zettel erstellen (in Gruppenarbeit oder gemeinsam in der Klasse, indem die Zettel von Tisch zu Tisch gereicht werden oder die SuS sich um einen Tisch bewegen, auf denen sich die noch leeren Zettel befinden.
Die Zettel sollten dann gekennzeichnet sein, für welches Strukturelement er steht. Das kann durch Farbe, Beispiele oder beides erfolgen.

Hier 2 Beispiele:
1. Ausgefüllter Abreißzettel: Nimm dir für deine Geschichte3 (PDF)

2. leerer Abreißzettel: Nimm dir für deine Geschichte5_leer_blau (PDF)

Erzählimpulse

Ein wichtiger Punkt sind für die Lerner relevante und motivierende Erzählimpulse und Erzählkontexte..
Beispiele findet man in folgender kleinen Sammlung:

Erzählimpuls: Bilder mit und ohne Text

Links:

Linksammlung zum Thema Bilder als Sprechanlass Stufen A1 – B2
http://wikis.zum.de/zum/Bildergeschichten
Bildgeschichten DaF/DaZ
Bildergeschichten der digitalen Schule Bayern
Situationsbilder („Wimmelbilder“) zum Herunterladen (PDF)

Erzählimpuls: Wort- bzw. Erzählkarten

Erzählimpuls: Spiele

Geschichtenrad
Mit Würfeln erzählen

Erzählimpuls: erarbeitete Stichwörter (Reizwortkombinationen)

  1. Vorbereitung durch Assoziationen
  2. Ordnen
  3. Erzählen nach Mindmaps

Erzählimpuls: Gegenstände

  • Idee 1: Dinge/ Gegenstände im Schatzkiste, Sack, Korb im Koffer usw.:

Sitzkreis – in einem … werden die Dinge reihum gegeben, jeder darf sich (drei) Dinge herausnehmen und dazu eine Geschichte erzählen.

  • Variante: Kettenerzählung (ein Thema) oder jeweils eine neue Geschichte
  • Idee 2: Das Dingsda: ein Gegenstand wird weitergeben und dazu (in einer Kette) eine Geschichte erzählt. (jeder 2-3 Sätze) – Beispiel Apfel, der erlebt …
  • Variante: ab und zu „kreuzen“ andere Gegenstände die Geschichte
Links

Erzählimpuls: Klang- und Geräuschkulissen

  • Idee 1: SuS erhalten 5 Geräusche und ein Thema: Danach entwickeln sie daraus eine Geschichte
  • Idee 2: umgekehrter Weg, Hörspielproduktion
Links:

Erzählen – projektorientiert

Erzählschatzkiste

Erzählwerkstatt

Erzähltheater

Was kann ein Lehrer erzählen?

Neue Themen (Wortschatz) einführen

  • alltägliche Dinge und Themen, für die Lerner Interesse zeigen, können Lehrer in einer Geschichte verfremden.
  • Darin neue Inhalte verpacken.

Strukturen einführen

  • SOS-Methode
  • SuS finden gesuchte neue Struktur (Grammatik)

Charakteristisches aus Texten finden

  • Erzählungen vortragen und die Struktur sichtbar machen (Geschichten-Grammatik)

Mögliche Nachteile

  • Entspricht das Thema wirklich den Interessen der Zielgruppe?

Alternativen

  • Internet: aufsehen erregende Geschichten nacherzählen
  • Idee – Nachrichten verfremden „umdrehen“, „besonders“ machen
  • Idee: Wahr oder Falsch? – Twittermeldungen, Facebook ausschmücken – Lügengeschichten erfinden
  • Idee: „verrückte“ Bilder aus dem Internet nutzen ;-)

Aktivitäten, um das Zuhören und Verstehen zu üben

  • Mitmachgeschichten
  • Malen nach Ansage
  • Bildhauer
Links

Links zur „Story grammar“ – Geschichten-Grammatik

Weitere Ideen

Idee: Problemlösendes Geschichtenerfinden

  1. Das Problem nahe bringen.
  2. Wie ist das Problem entstanden?
  3. Lösungsideen sammeln. Mind-Map erstellen, Blitzlicht
  4. Lösungsideen ordnen, Orientierung am „Roten Faden“ / Erzählfluss als Folge von Ereignissen / Wiederholtes Misslingen.
  5. Lösung: rettende Idee, Hilfe von Anderen

Weiterführende Links

Die Links haben ich im DaF-Wiki für die Weiterbearbeitung freigegeben: http://wikis.zum.de/daf/Erz%C3%A4hlen_in_DaF


One thought on “Mündliches Erzählen im Fremdsprachenunterricht

  1. Lieber Ralf, vielen Dank für die tollen Anregungen und die nützlichen Links! Kann ich in meinen Literaturseminaren an der Uni gut gebrauchen! Viele Grüße aus Budapest.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s