Würden Sie mit einem Tisch reden? – Erfahrungsberichte prominenter Fremdsprachenlerner

Natürlich würden die meisten Leser diese Frage verneinen. So absurd wie sie klingt, so aktuell ist sie immer noch für den Fremdsprachenunterricht. Angeregt durch die Lektüre von Michael Köhlmeiers Roman „Zwei Herren am Strand“ (Carl Hanser Verlag, 2014) bin ich auf diese (Tisch-)Frage gestoßen. Im Roman gibt der Autor (sicherlich mit schriftstellerischer Freiheit) ein Erlebnis des jungen Winston Churchill wieder.

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Winston Churchill C. Taken from „Life and Time of Winston Churchill“ Odhams Press Public Domain

Winston Churchill – Die Sache mit dem Tisch

Dieser sollte im Lateinunterricht die Deklination von „mensa – der Tisch“ auswendig lernen und sich Anwendungen [immerhin] ausdenken. Am Vokativ „O Tisch! scheiterte der junge Winston, worauf der Lehrer (in Köhlmeiers Buch der Direktor) ihm erklärte: „Du benützt den Vokativ in einem Gespräch mit dem Tisch. Wenn du mit dem Tisch sprichst oder ihn anrufst, zum Beispiel: o Tisch, bleib stehen! Dann musst du den Vokativ verwenden.“ (Aus: Michael Köhlmeier, Zwei Herren am Strand. Roman. Hanser, München 2014, S.38-40) Grundlage des Dialoges sind die Jugenderinnerungen Winston Churchills („My Early Life“). Die beschriebene Episode findet man auch in einem Spiegelartikel von 1959 im Netz. Zitat: „Du benutzt diese Form“, erläuterte der Lehrer, „wenn du zu einem Tisch redest.“ Churchill erwiderte „in ehrlicher Verblüffung“: „Das tue ich aber nie.“ Köhlmeier erweitert den Dialog um ein interessantes Detail, indem er den Direktor das Gespräch beenden lässt: „Du musst! In dieser Schule musst du!“
Nun kann man entgegnen, das sei alter Lateinunterricht – Grammatik-Übersetzungsmethode. Aber so weit ist das Beispiel von so mancher schulischen Realität nicht entfernt. Was kann man aus diesem Beispiel herauslesen?
Antworten könnte man mit folgenden Fragen finden:

  • Hat diese Aufgabe etwas mit der Lebenswelt der Lernenden zu tun bzw. ermöglicht sie zukünftige lebensweltliche Handlungen?
  • Zielt die Aufgabe auf die Lösung einer inhaltlichen Fragestellung mit sprachlichen Mitteln?
  • Ist die Aufgabe auf das Erreichen eines (kommunikativen) Zieles hin orientiert?

Bleibt die Frage: Was ist das für eine Schule, wo man mit einem Tisch sprechen soll/muss? Bestimmt keine die kompetenzorientiert unterrichtet und den Lerner in den Mittelpunkt stellt.

Was macht ein Vogel bei Regen in der Schmiede?

Weiter geht es mit den Erfahrungen eines berühmten Deutschlerners. Hier seine Erfahrungen zum Thema Deutsch-Lehrbuch:

„Zum Beispiel fragt mein Buch nach einem gewissen Vogel (es fragt immerzu nach Dingen, die für niemanden irgendwelche Bedeutung haben): „Wo ist der Vogel?“ Die Antwort auf diese Frage lautet – gemäß dem Buch –, dass der Vogel in der Schmiede wartet, wegen des Regens. Natürlich würde kein Vogel so etwas tun, aber ich muss mich an das Buch halten.“

Erkannt? Es ist der berühmte amerikanische Schriftsteller, der über das Erlernen der deutschen Sprach schrieb:

„Aufgrund meiner philologischen Studien bin ich überzeugt, dass ein begabter Mensch Englisch (außer Schreibung und Aussprache) in dreißig Stunden, Französisch in dreißig Tagen und Deutsch in dreißig Jahren lernen kann.“

Es ist Mark Twain in seinem Buch „Die schreckliche deutsche Sprache“(hier als PDF).

1907
1907

Was leider zu selten erwähnt wird, ist die Tatsache, dass Twain seine Betrachtungen aus einer satirischen Perspektive heraus macht. Sehr gut nachzulesen hier: „Der erfolgsgewöhnte Schriftsteller zog seine Schlüsse aus seinen Erfahrungen mit der „schrecklichen deutschen Sprache“, indem er nach einer Testphase von neun Wochen entnervt aufgab – nicht ohne vorher ein paar kauzige „Reformvorschläge zu machen, die die deutsche Sprache handhabbarer machen und künftigen Generationen das Erlernen erleichtern sollten.“

(Quelle: http://www.goethe.de/ins/cn/lp/dll/ks/de6971981.htm)

 

Aber zurück zum Vogel, der in der Schmiede wartet. Besser kann man die Absurdität mancher Lehrbuch-Aufgaben nicht ausdrücken. Zum Glück werden sie immer seltener, aber sind sie wirklich schon in jedem Land verschwunden? Und so mancher Lehrer wird an dem Satz: „ …, aber ich muss mich an das Buch halten.“ bis heute nichts Ungewöhnliches finden. Die Folgen eines solchen Fremdsprachenunterrichts beschreibt sehr anschaulich Peter Bichsel:

„Ich bin ein Opfer – ein Opfer des Französischunterrichts.

„Ich bin ein Opfer – ein Opfer des Französischunterrichts. Nicht etwa nur, dass es der Schule nicht gelungen wäre, mir Untalentiertem diese Sprache beizubringen – dieser Schaden wäre erstens reparabel, und zweitens ist er mir in anderen Fächern auch passiert – aber die Schule hat mir in diesem Fach etwas viel Schlimmeres angetan: sie hat mir diese Sprache für immer verbaut. Ich wage nicht mehr, mir in dieser Sprache Fehler zu leisten. Ich würde es psychisch nur schwer überstehen, mich in dieser Sprache auch nur noch ein einziges Mal zu blamieren.“

(Auszug aus: Peter Bichsel, Erfahrungen beim Fremdsprachenlernen. In: Peter Bichsel, Schulmeistereien, © Suhrkamp Verlag Frankfurt 1998. Der Text stammt aus dem Jahr 1979. online Quelle-PDF S. 203-206)

Auch dieses Beispiel zeigt, wie wichtig eine guter, motivierender Unterricht ist, nicht für jeden einzelnen Fremdsprachenlerner, sondern vor allem für die Attraktivität ergo für die Werbung für Fremdsprachen und nicht zuletzt für das lebenslange Lernen. Bichsel spricht sogar von einer (persönlichen) Befreiung: „Die Fremdsprache – und das ist ihr Wert an und für sich – befreit mich oder gibt mir zum mindesten, und das ist schon viel, die Illusion von Befreiung: ein Stück Emanzipation.“ (Ebenda) Dieses Stück Emanzipation sollte durch den Fremdsprachenunterricht gefördert werden. Die Art von Grammatikvermittlung, die Bichsel folgendermaßen beschreibt, gehört sicher nicht dazu: „… Grammatik dient nicht mehr dazu, die Sprache zu erfassen, sondern die Sprache dient dazu, eine Grammatik zu erklären, die sich selbständig gemacht hat. Wer versucht, eine Sprache total – mit all ihnen Ausnahmen – zu vermitteln, vermittelt sehr schnell totalen Blödsinn.“ (Ebenda)
Und hier sieht er vor allem den Lehrer und die Unterrichtsmittel in der Verantwortung:

„Aber warum hat mir kein Lehrer und kein Lehrmittel gesagt, was wirklich erforderlich und was dagegen eher nur wünschenswert ist und was man sich schenken kann?“

(Ebenda)
Mit Bichsel möchte ich auch den Exkurs durch die Erfahrungsberichte prominenter Fremdsprachenlerner beenden:

„Man blamiert sich mit Fehlern viel weniger als mit geschraubter Grammatik!“

PS
Man könnte hier auch noch Schliemann nennen, der eine eigene Methode entwickelte und damit immerhin 20 bis 30 Fremdsprachen erlernt haben soll und natürlich viele viele andere.

Oder dann doch lieber die Loriot-Methode, die auf witziger Art und Weise zeigt, wie Fremdsprachenunterricht nicht aussehen sollte:

 


3 thoughts on “Würden Sie mit einem Tisch reden? – Erfahrungsberichte prominenter Fremdsprachenlerner

  1. Lieber Dieter,

    das lässt mir keine Ruhe. Zwei Zitate, die Vögel wegen des Regens in die Schmiede schicken. Deshalb habe ich da mal recherchiert und bin bei Wikipedia (Wie fast immer) fündig geworden:

    „Unter Schmiede (englisch anvil, wörtlich ‚Amboss‘) versteht man in der Vogelkunde eine natürliche oder künstlich adaptierte Stelle in Bäumen oder auch Gemäuern und Felsen, in denen verschiedene Vogelarten hartschalige Nahrungsobjekte wie Nüsse oder Käfer einklemmen, um sie dort bearbeiten und für den Verzehr vorbereiten zu können. Da vornehmlich Spechte diese Methoden entwickeln, spricht man auch von Spechtschmieden.“ (Auch andere Vogelarten, wie Singdrossel, Kleiber und einige Meisenarten nutzen diese Technik.)
    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Schmiede_%28Spechte%29

    Das klingt jetzt nicht sehr poetisch. Ich ornithologisch Unkundiger hatte den Vogel wirklich in einer Schmiede gesehen. Aber vielleicht war das auch nicht falsch, denn die hier erwähnte Schmiede dient dazu, hartschalige Nahrungsobjekte wie Nüsse oder Käfer einzuklemmen, um sie dort zu bearbeiten und für den Verzehr vorbereiten.

    Das ein Vogel darin Schutz vor Regen finden könnte, scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit.

    Beste Grüße nach Budapest aus Zagreb

    Ralf

    1. Hallo Ralf, es wird immer kurioser. Interessant, was man so über die eigene Sprache lernt. Aber ob man solche Nüsse den Deutsch- als-Fremdsprache-Lernern zu knacken gibt, hast Du selbst schon in Frage gestellt. Zum Beispiel das Verb „vogelherden“. Siehe Grimm, Deutsches Wörterbuch [Bd. 26, Sp. 413]:“— -herden, verb. : das erste mal gevogelherdet Eichendorf tageb. 78 Kosch-Sauer.“

  2. Lieber Ralf, vielen Dank für diese amüsante Tour durch die Schrecken eines Fremdsprachenunterrichts, der das Lehrbuch ins Zentrum stellt und nicht den Lerner. Dezső Kosztolányi lässt (fiktiv, aber realistisch) Bandi Csegedi von Budapest nach Paris reisen – im Jahre 1910. Sein Onkel hat ihn mit 700 Kronen und einem zerschlissenen Sprachführer ausgestattet. Im Eisenbahnabteil schlägt er das Kapitel „Reisen“ auf: „Möchten so gut sein einzusteigen, Herr Graf, unsere Postkutsche ist zum Abfahren bereit.“ Wo ist der Vogel? In der Schmiede. Warum? Wegen des Regens.

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