Hamstern

Vor zwei Wochen zitierte ich hier die Voraussage des Soziologen Immanuel Wallerstein: “In 30 Jahren wird es keinen Kapitalismus mehr geben” Nun möchte ich hier das Thema um eine weitere interessante Meldung ergänzen: „Bundesregierung rät zum Hamstern“ (taz):

Die Beamten im Hause von CSU-Verbraucherministerin Ilse Aigner klagen: „Über mögliche Versorgungsengpässe macht sich kaum noch jemand Gedanken.“ Ihr Tipp heißt: immer „gut gewappnet zu sein für den Fall der Fälle“. Sie empfehlen jedem, stets einen Vorrat für 14 Tage im Haus zu haben. Aber wer will schon Dosengemüse horten? Zumal viele gar keinen Keller und keine Speisekammer besitzen. Und die Zeiten, in denen Hausfrauen im Sommer Erbsen, Bohnen, Pflaumen einkochten, damit es auch im Winter etwas zu essen gab, sind lange vorbei.

Warum wählte die taz die schon fast historisch anmutende Bezeichnung „hamstern“ ? In Wiktionary steht dazu:
[1] auf Vorrat beschaffen; über den eigenen Bedarf hinaus anhäufen
[2] Nachkriegssprache: aufs Land fahren und entbehrlichen Hausrat gegen Lebensmittel eintauschen

Im  Wortschatz-Portal der Uni-Leipzig finden sich folgende Relationen zu anderen Wörtern:

In der deutschen Geschichte spielte das Wort kurz nach Kriegsende eine wichtige Rolle. Hier kam es zu sogenannten Hamsterfahrten:

Massenhaft begeben sich die Städter aufs Land, denn hier ist die Versorgungslage weitaus besser. In überfüllten Zügen, in Güterwaggons, zu Fuß und mit dem Fahrrad, oft tagelang ohne zu rasten und zu schlafen, durchstreifen sie die Dörfer, um Hausrat, Kleidung oder Wertgegenstände gegen Butter, Speck und Kartoffeln zu tauschen. Viele Bauern lassen sich die Lebensmittel teuer bezahlen. Die bösen Worte vom „Perserteppich im Kuhstall“ machen die Runde.

Aus: http://www.dhm.de/lemo/html/Nachkriegsjahre/DasEndeAlsAnfang/hamsterfahrten.html

 
Berliner Alltag 1946: Auf dem Bahnsteig des Wriezener Bahnhofs. Sie fahren nach außerhalb, um für sich und ihre Familien etwas Essbares zu holen. Aus: Commons Wikimedia – Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany license. (Attribution: Bundesarchiv, Bild 183-M1205-318 / Donath, Otto / CC-BY-SA 3.0)

Wenn man meint, dass danach die Vorratshaushaltung aus der Mode gekommen wäre, der täuscht sich. Anfang der 1960er-Jahre rief die Bundesregierung die Haushalte auf:

„Aktion Eichhörnchen: Denke dran, schaffe Vorrat ran“

Bürger bekamen Broschüren in die Hand gedrückt mit Einkaufslisten für eine 14-Tage-Ration: Mehl, Pumpernickel, Schmalzfleisch. Mehrere Jahre ging das so. Es war Kubakrise, Kalter Krieg. Für die Eichhörnchenwerbung spendierte die Regierung jedes Jahre bis zu 1,5 Millionen D-Mark. Die DDR sparte sich solche Aufrufe.

aus: taz

Schön finde ich den Ausdruck „Aktion Eichhörnchen“. Hamstern war den Initiatoren zu negativ belegt, so dass sie sich eines beliebteren Tieres bedienten.

Nun ist es also wieder soweit – Vorratshaltung ist schick. Wie kann man das Thema im Unterricht umsetzen? Neben der schon erwähnten historischen Relevanz für den Landeskundeunterricht, besitzt das Thema durch die Folgen der Finanzkrise ungeheure Brisanz. Schon früher erwähnte ich an gleicher Stelle die Ängste (Deutsche zweifeln an der sozialen Marktwirtschaft) und Albträume der Deutschen. Diese dürften durch die aktuelle Situation neuen Nährboden erhalten haben. Die Meldung in der taz ist ein Anzeichen dafür, dass auch andere Szenarien für möglich gehalten werden, die noch vor Monaten als tabu galten. Diese Krisenszenarien könnte man auch sprachlich umzusetzen. Material findet man hierzu auf den Seiten http://www.krisenvorsorge.com/, die zugespitzt die Situation so beschreibt: „Die Frage ist nicht „ob“ der Crash kommt, sondern „wann“ Wir befinden uns vor der größten weltweiten Finanzkrise auf die Sie sich jetzt vorbereiten müssen! Zu beachten hierbei ist, dass die wirkliche Krise noch nicht eingetreten ist!“ Die Lerner könnten nun eine solche Vorbereitung planen und einen möglichen Verlauf der Krise beschreiben. Folgende Fragen der Seite Krisenvorsorge können als Anregung dienen:

  • Was werden Sie und Ihre Familie essen?
  • Was tun Sie, wenn die Geschäfte geschlossen bleiben?
  • Welche Ausrüstung haben Sie, wenn der Strom ausfällt?
  • Wie viel Bargeld haben Sie, falls jetzt die Banken schließen?
  • Wie bezahlen Sie Ihre Rechnungen? Ihre Miete?
  • Wie schützen Sie sich, wenn der hungrige Nachbar vor der Türe steht?

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