Über die Zukunft heutiger Lernplattformen

Wie sieht die Schule der Zukunft aus? Was wird, was muss sich ändern? Welche Rolle werden die neuen Medien spielen?

Eine Voraussage, wie Computer, Internet und Schulen in 20 Jahren aussehen könnten,  wagt Werner Hartmann. Seine 10 Thesen findet man, kurz zusammengefasst, im Blog netzlernen.ch.

Interessant fand ich folgende dritte These:

In zehn Jahren spricht niemand mehr von den heutigen Lernplattformen.
Zitat: «Heutige Lernplattformen bilden gängige Schulstrukturen ab (…) Investitionen in starre, oft proprietäre und zentralistisch ausgerichtete Lernplattformen sollten deshalb heute kritisch hinterfragt werden.»

Dem kann ich nur zustimmen. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob in 20 Jahren dieses Problem gelöst sein wird.

Meiner Meinung nach spiegeln die heutigen Lernplattformen wirklich die Realität an unseren Schulen wider.  Eine Veränderung wäre also nur möglich, wenn sich eine grundlegende Neuorientierung in unserem (europäischen) Schulsystem vollzöge. Wer in diesem System arbeitet, dürfte dabei seine Zweifel haben.

Die aktuelle Tendenz sieht die „abgeschirmten“ Lernplattformen als Sieger. Hier kann die Lehrkraft wie in seinem geschlossenen Klassenraum schalten und walten und muss keine störenden Beobachter fürchten.  Kein Lehrer lässt sich ja bekanntlich gern in die Karten sehen. Keiner möchte „die Kontrolle verlieren“. Unterstützt wird diese Tendenz von der übervorsichtigen Schulbürokratie, die, unter dem Vorwand Schüler vor den Gefahren des Internets schützen zu müssen, abgeschlossenen Plattformen den Vorzug gibt. Und natürlich wäre da auch das aktuelle Urheberrecht zu nennen, das offene Lernformen im Internet eher erschwert.

Im DaF-Bereich scheint sich immer mehr Moodle durchzusetzen. Das Goethe-Institut, das die nötigen materiellen Ressourcen besitzt, bietet hierzu eine kompetente Weiterbildung an und hat dabei sicherlich ihr eigenes Klientel im Auge – das der Studenten bzw. Arbeitnehmer, die ja einen Großteil der GI-Deutschkursteilnehmer stellen.  Hier macht Blended Learning sicherlich Sinn und kann auch kommerziell genutzt werden. Ob eine wirkliche Verbesserung der Sprachkompetenz nachweisbar sein wird, werden zukünftige Studien zeigen müssen.

Und die Schule? Die Schule hat auch einen Bildungsauftrag zu erfüllen, der im DaF-Bereich neben der selbstverständlichen Sprachkompetenz, die kulturelle, soziale, auch die Medienkompetenz (natürlich noch einiges mehr) beinhaltet.

Ist Moodle wirklich die richtige Antwort auf die sich ständig verändernde Medienwelt? Kann man Medienkompetenz in einem geschützten Raum erwerben?

Betrachtet man einige Lernplattformen  in DaF, dann fällt auf, dass ein Großteil der Aufgaben nach altem Muster funktionieren: LV oder HV als Multiple Choice,  „Beantworte die Fragen“, „Schreib deine Meinung“, „Ordne zu!“ – Manchmal fühlt man sich in Zeiten der audio-visuellen Methode zurückversetzt – natürlich mit anderen Mitteln. Daneben gibt es auch die eine oder andere Schreibaufgabe, wo sich Lerner aus unterschiedlichen Perspektiven zu bestimmten Themen äußern können. Die Aussagen bleiben aber meist unkommentiert. Die Auseinandersetzung mit den Gründen der unterschiedlichen Ansichten kommt nicht zustande, eine Reflexion des eigenen Standpunktes im Spiegel der anderen Meinung fehlt.  Vielleicht beginnt gerade hier das Spannende am Internet, der wirkliche Mehrwert.

Ich bin der festen Überzeugung, dass man das Potential des Internets nur dadurch nutzen kann, wenn man die Lerner aktiv an dessen Gestaltung beteiligt. Interkulturelle Projekte auf offenen (Lern)-Plattformen werden nicht nur die Lerner in ihrer Sprachkompetenz stärken, sondern sie auch befähigen, als kompetente und verantwortungsbewusste Persönlichkeiten die Zukunft zu meistern.

Siehe auch:

Moodle bietet mittlerweile sogar die Möglichkeit, dass oft kritisierte System Schule mit allen als verkrustetet empfundenen Lernstrukturen virtuell 1:1 nachzubauen.

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4 Gedanken zu “Über die Zukunft heutiger Lernplattformen

  1. „Die Idee, dass es verschiedene „elearning-Phasen“ gibt, in denen unterschiedliche Medien und Methoden zur Anwendung kommen, finde ich spannend. Gibt es dazu ein didaktisches Modell?“

    Leider nein. Ich kenne eine Menge Leute, die behaupten, dass sie ein solches Modell hätten, es aber nie öffentlich zeigen. Vielleicht ist das auch ein Ausdruck für das oft falsch verstandene „neue Lernen“: Wir reden methodisch kompetent darüber, aber wir wissen eigentlich nicht, wovon wir da sprechen.

    Das ist wahrscheinlich so ähnlich wie der Wilde Westen: Da gibt es noch viel zu entdecken. Für mich sind diese Schlussfolgerungen logisch, weil sie sich aus meinen persönlichen Unterrichtserfahrungen ergeben. Das wird nicht für jeden gelten. Und wissenschaftlich fundiert ist das erst recht nicht…

  2. Danke für deinen Hinweis. Dein Einwand, dass „eine Phase der Abgeschiedenheit in der Zusammenarbeit“ sinnvoll ist, ist vollkommen richtig. Ich habe das zu undifferenziert dargestellt.
    Die Idee, dass es verschiedene „elearning-Phasen“ gibt, in denen unterschiedliche Medien und Methoden zur Anwendung kommen, finde ich spannend. Gibt es dazu ein didaktisches Modell? Kannst du mir etwas empfehlen?

    Viele Grüße aus Budapest
    Ralf

  3. „Ich bin der festen Überzeugung, dass man das Potential des Internets nur dadurch nutzen kann, wenn man die Lerner aktiv an dessen Gestaltung beteiligt. Interkulturelle Projekte auf offenen (Lern)-Plattformen werden nicht nur die Lerner in ihrer Sprachkompetenz stärken, sondern sie auch befähigen, als kompetente und verantwortungsbewusste Persönlichkeiten die Zukunft zu meistern.“

    Das geschieht bei uns gerade im Rahmen eines Comeniusprojektes. Die von dir geforderte absolute Offenheit kann jedoch zu einem ernsten Problem gerade für leistungsschwächere SuS werden. Wenn Tante Google von der Personalabteilung zu den Internetaktivitäten von Frau xy oder Herrn fz befragt wird und da der gesammelte Mist der ersten Gehversuch der ersten Jahre zu Tage tritt – nunja.

    In der Oberstufe ist das SuS wahrscheinlich schon eher bewusst – obwohl ich auch da noch genug Fotos wochenends kotzender SuS meiner Bildungsanstalt finden könnte, wenn ich wollte.

    Daher finde eine Phase der Abgeschiedenheit in der Zusammenarbeit mit anderen europäischen Schulen schon recht sinnvoll. Dafür ist Moodle so schlecht nicht.

    Mahara übrigens auch nicht, da man den Veröffentlichungsgrad selbst festlegen kann…

    In der Oberstufe lässt sich nach gewissenhafter medialer Vorbereitung wohl schon mehr erreichen – mediale Vorbereitung? Achja – das sollen die Fächer irgendwie nebenbei noch machen. Ein kundiger Kollege braucht dafür auch keine Schulungen. Er hat Zeit, sich selbst fortzubilden.

    Wir schaffen das…

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